Papageienneozoen in den USA
- Ein Reisebericht aus dem Jahr 2000 von Detlev Franz
Links überarbeitet am 20.11.2001

Papageien als Neozoen gibt es nicht nur in Europa. Auch in den USA (und nicht nur dort) konnten entflogene Tiere in Ausnahmefällen kleine und stabile Populationen aufbauen, die sich wie die europäischen Halsbandsittiche, Mönchssittiche oder Gelbscheitelamazonen auf ihre ganz eigene Weise einen Platz zum Überleben gesucht haben. Der "Field Guide to the Birds of North America" führt in seiner neusten Auflage immerhin 16 Papageienarten an, die solche Populationen etablieren konnten oder häufig angetroffen werden. Ihre Vorkommen liegen vor allem in Florida und Kalifornien. Zu einigen Arten bzw. Populationen existieren im Internet umfangreiche Dokumentationen, die es u.U. sehr einfach machen, die Tiere gezielt aufzusuchen. Ein Besuch und auch die Bezeichnung der genaue Lage der Vorkommen sind kein Schaden für die Tiere, da gerade diese Öffentlichkeit Teil eines Konzeptes ist, das Papageienfreunde einsetzen, um die von vielen Ornithologen abgelehnten Neubürger vor willkürlichen staatlichen und privaten Verfolgungsmaßnahmen zu schützen. Anläßlich eines USA Urlaubs bot sich so für mich die Möglichkeit, Beobachtungen, die ich an den frei in Wiesbaden lebenden Papageien gemacht habe, zu erweitern. Besucht habe ich Mönchssittiche in New Orleans und eine Gruppe von Guayaqilsittichen in San Francisco.

Keilschwanzsittiche in San Francisco

Da unter den südamerikanischen Keilschwanzsittichen (Gattung: Aratinga) eine Reihe beliebter Käfigarten fallen ist es nicht verwunderlich, daß im "Field Guide" gleich 5 Arten abgebildet werden. Mark Bittner beobachtet und dokumentiert die Vögel seit über sechs Jahren. Sein Beobachtungsschwerpunkt ist eine der zwei in San Francisco lebenden Gruppen, der "Trupp" am Telegraph Hill. Mit einem Stadtplan in der Hand ist der Hügel leicht zu finden. Er liegt nahe Pier 39 - einem Zentrum des Tourismus.

Am ersten Beobachtungstag gingen wir auf gut Glück zum Telegraph Hill. Er erhebt sich mehr als 200 Meter über die sonst auf Meeresniveau gelegene, Stadt. In San Francisco haben Autostraßen ein Gefälle bis zu 40 Grad, das sind 80 Prozent! Der Telegraph Hill ist für Autos teilweise zu steil. Die in seine Hänge gebauten Häuser besitzen oft nur einen Zugang über Treppen die durch phantastische Gärten führen. Der Bewuchs ist bunt gemischt. Von der ursprünglichen Flora ist nichts mehr übrig: Pflanzen, die bei uns als Topfpflanzen vorkommen, stehen neben Büschen aus Indien, Eukalyptusbäumen aus Australien oder Palmfarnen. Oberleitungen und die Geländer von Balkonen und Feuertreppen ergänzen die Sitz und Ruhemöglichkeiten. Hier sollte es doch einfach sein Papageien zu entdecken - doch Pustekuchen. Nach einer Weile vergeblichen Treppensteigens bei dem ich keinen Hinweis auf die Papageien gesehen habe, musste ich die Suche abbrechen. Kaum am Fuß des Berges angekommen, höre ich ein verdächtiges Gekreische. Und richtig: ein Trupp von über 30 Keilschwanzsittichen fliegt genau dorthin wo ich gesucht hatte: zum Osthang des Telegraph Hill.

 Blick vom Pier 39 auf den Telegraph Hill
Blick vom Pier 39 auf den Telegraph Hill

Neuer Tag neues Glück. Wieder den Berg heraufgestiegen. Plötzlich ungewohnte Laute, im Gebüsch neben uns Keilschwanzsittiche. Eine kleine Gruppe Guayaquilsittiche macht sich über die Beeren in einem Busch her. Wo ich beim ersten Mal vergeblich gesucht hatte, saßen nun die kirschköpfigen Krummschnäbel. Ein phantastischer Anblick von oben auf die Tiere. Die Kamera ausgepackt, einen Stein als Auflage gesucht, (das Stativ hatte ich da ich mit einem größeren Spaziergang rechnete, vorsorglich im Hotel gelassen) jetzt kam auch noch die Sonne richtig durch, und einen Film durchgezogen. Dann Standortwechsel und die Gruppe von unten fotografiert, dazu mußte man nicht wenige Treppen steigen - wer Flügel hat, ist in so einem Gelände klar im Vorteil. Ich wechsle das Objektiv um eine Übersichtsaufnahme zu machen - die Gruppe wird langsam lauter und fliegt ab, sollte das alles gewesen sein? Ein Kolibri entschädigt noch etwas für den Abflug, aber die Papageien entfernen sich nicht wirklich. Sie bleiben in der Nähe. Die Gruppe verteilt sich bergab. Einige setzen sich auf Geländer, hohe Bäume und elektrische Leitungen oder landen auf einer Kiefer bzw. Büschen zum Fressen. Für mich ist sehr auffällig, das sich die Aratingas in ihrem Sozialverhalten deutlich von Halsbandsittichen unterscheiden, sie scheinen sozialer zu sein, die Gruppe immer im Auge oder zumindest im Ohr zu behalten. Die Papageien haben Zeit - einige Tiere turnen an Stromleitungen herum, hängen Kopfüber oder schlagen Rad.

 Muntere Gesellen auf einem Busch
Muntere Gesellen auf einem Busch

Am dritten Beobachtungstag nahm sich Mark Bittner, der gerade einen Film über die Tiere dreht, die Zeit uns zu den Schlaf- und Brutbäumen zu führen. Leider war das Wetter trüb und regnerisch, so daß man zwar beobachten aber kaum fotografieren konnte - das Wetter muss auch den Papageien auf die Laune geschlagen sein: nur wenige Tiere zeigten sich. Mark kann die einzelnen Tiere am Gefieder und an ihren Gewohnheiten unterscheiden. Er hat ihnen Namen gegeben, die er bei Literaten der Beat- bzw. Hippiebewegung angelehnt hat. Durch seine Erfahrung kann er einschätzen wann eine Gruppe auffliegt oder wo die Tiere einen kurzen Zwischenstopp zu einem Fressplatz oder der Bruthöhle machen. Auf seinen Webseiten gibt es einen Kalender in dem alte und neuere Beobachtungen wochenweise nachgelesen werden können. Vielleicht fasse ich am günstigsten zusammen, was er uns erzählt und gezeigt hat.

 Eden, der erste Brutbaum
Eden, der erste Brutbaum

Telegraph Hill bildet nur einen Ort, an dem sich der Trupp aufhält, vornehmlich um zu Fressen. Dieser Hügel liegt etwa in der Mitte der Strecke zwischen den als Schlafbäumen genutzten Pappeln und den als Brutbäumen genutzten Palmen bzw. Eukalyptusbäumen in einem anderen Park. Anziehungspunkt für die Papageien sind die Privatgärten und die Futterstellen an Häusern. Im mehrere hundert Hektar großen Golden Gate Park und im ebenfalls großen Stadtviertel Presidio sind dagegen keine Keilschwanzsittiche anzutreffen: sie bevorzugen gerade die stark zersiedelten Parks und Gärten. Die Sittiche besitzen -ganz wie Halsbandsittiche - eine gewisse Furcht an bodennahen Futterplätzen, beliebt sind hingegen Plätze in 10 Meter Höhe. Ihren Ausgangspunkt nahm die Population von einem Pärchen, das in der Höhle eines Eukalyptusbaumes - Mark nennt ihn poetisch "Eden" - brütete und noch die Wildfänge kennzeichnenden US-Zollringe trug. Auf den Fotos erinnert mich diese Bruthöhle an die Wiesbadener Platanen. Später wurde die Gruppe durch weitere Vögel verstärkt und ging zur Brut in Palmen über. Die Palmhöhlen haben den Vorteil gleich mehrere Eingänge zu haben, so daß die Papageien nie dort hineinklettern, wo sie herauskommen.

 Nisthöhle auf Eden
Nisthöhle auf Eden

Auf den Palmen brüten auch europäische Stare und Spatzen. Die Stare werden von ihnen vertrieben - was unter amerikanischen Ornithologen ein Pluspunkt ist, da Stare als Fremdlinge nicht sehr beliebt sind. Einheimische Vögel werden einfach ignoriert. Papageien anderer Arten, wie z.B. die ebenfalls in San Francisco als gemischter Trupp vorkommende Weißflügelsittich (Brotogeris versicolurus) und Kanarienflügelsittich (Brotogeris chiriri), werden nicht geduldet sondern aus dem Gebiet vertrieben. Obwohl die Papageien vor Hunden oder Katzen keine Angst zu haben brauchen, erfolgreiche Abwehrkämpfe selbst mit Jungvögeln hat Mark beobachtet, sind ihnen Hunde jedoch sehr suspekt und sie behalten sie immer besonders im Auge. Eine tatsächliche Gefahr stellen die in San Francisco häufigen Greifvögel dar, die schon einige Papageien geschlagen haben. Marks Ziel ist es, die Guyaquilsittich zu einem Wahrzeichen von San Francisco zu machen wie es heute schon die "cable-cars" sind. Nur so ist in seinen Augen zu erreichen, daß etwa wenn der Verdacht auf Infektion mit einer Hühnerkrankheit besteht, keine automatische Ausrottung der Population durch die Landwirtschaftsbehörde erfolgt.

 Balkon als Ersatzbaum
Balkon als Ersatzbaum

Am vierten und fünften Beobachtungstag habe ich bei besserem Wetter noch einmal Brutbäume, bzw. den Telegraph Hill aufgesucht. Wieder waren die Papageien mit Fressen beschäftigt und ließen einen Wachposten zurück. Wiederum spielten sie auf den Stromleitungen. Offensichtlich läßt der klar gegliederte Tagesablauf der Papageien auch viel freie Zeit zum Spielen. Den Flug zum Schlafbaum habe ich zweimal verpaßt und dank der grünen Blätter konnte ich auch keine Tiere entdecken. Die Guayaquilsittiche von San Francisco sind auch wissenschaftlich von Interesse. Läßt sich doch an ihnen das Verhalten der Tiere im Freiland beobachten. Mark hat versucht Veröffentlichungen über das Freilandverhalten dieser Art in Ecuador zu finden bisher ergebnislos, ebenfalls führen seine Fragen nach Verhaltensdetails bei ecuadorianischen Ornithologen zu keinem Ergebnis. Mark Bittner sucht noch Sponsoren für den Film den er mit einer Filmemacherin gemeinsam dreht. Die Papageien beanspruchen seine gesamte Zeit. Verletzte Vögel werden von ihm gepflegt bis sie wieder in die Freiheit entlassen werden können.

 Auf dem Ausguck
Auf dem Ausguck

Mönchssittiche in New Orleans

Mönchssittiche stammen aus Südamerika. Sie sind in den USA vielfach verbreitet. Ihr bekanntestes Vorkommen liegt in Chicago. Derzeit bestehen einige Gruppen dieser Art in Europa aber die in Deutschland bestehenden Populationen sind erloschen. Auf den Webseiten von Kathleen Carr, die sich bemüht einen aktuellen Stand der Verbreitung in den USA darzustellen, findet sich nur ein unspezifischer Eintrag zu New Orleans. Mönchsittiche würden um das Stadtzentrum verteilt an mehreren Stellen vorkommen. Entdeckt habe ich sie eher zufällig auf der Suchen nach Lemikolen in einem Park am Lake Pontchortrain. In anderen Grünanlagen z.B. dem riesigen City Park oder dem mit dem Zoo verbundenen Audubon Park sowie einigen kleineren Parks und Friedhöfen und auf der anderen Seite des Mississippi habe ich trotz einiger Besuche keine Papageien angetroffen. Auch in den "Swamps", die aus einem von Wasserflächen unterbrochenen subtropischen Wald gebildet werden, sind mir keine Krummschnäbel begegnet. Und auf der Vogelliste des Jean Lafitte Nationalpark werden keine Papageien geführt.

Doch nun zu meinen Beobachtungen. Möchssittiche bauen in Abweichung von den meisten anderen Papageienarten (die in Baumhöhlen brüten) Gemeinschaftsnester.

Diese werden aus dürren, mit Vorliebe dornigen Zweigen auf Bäumen oder künstlichen Erhebungen wie Strommasten, Dächern, Trafokästen errichtet. Das Gewicht der Nester kann bis zu 250 kg erreichen - so stand es in der Literatur und auf Kathleen Carr Webseiten.

Meine erste Sichtung war folglich ein einzelner Vogel, der einen für seine Verhältnisse riesigen Ast abtransportierte. Leider war ich nicht schnell genug, um ein Foto davon zu schießen. Aber auch diese Papageien sind Gewohnheitstiere und suchten diesen Baum als Quelle für Nistmaterial noch öfter auf. Später gelang mir ein recht annehmbares Foto.

Doch nun zu meinen Beobachtungen. Möchssittiche bauen in Abweichung von den meisten anderen Papageienarten (die in Baumhöhlen brüten) Gemeinschaftsnester.

 Mönchssittichnest
Mönchssittichnest

Einen Papagei hatte ich nun also gesehen - doch wo lagen die Nester? Ihm am Boden zu folgen war unmöglich - er entschwand über den Yachthafen hinweg Richtung Westendpark. Blieb noch, diesen Park abzusuchen. Ich konnte, obwohl ich sofort mit der Suche begann, keine Nester in dem kleinen und übersichtlichen Park finden. Auch die Aufregung vieler Vögel, als eine Gruppe von vier Mönchssittichen eine Zwischenlandung auf einer Eiche wagte, ließen meine Hoffnungen schwinden hier noch erfolgreich zu sein. Mit dem Feldstecher bewaffnet, suchte ich trotzdem Baum für Baum ab - ergebnislos. Mir wurde rasch klar - ich hatte an der falschen Stelle gesucht. Nach einer Weile sah ich sie dann doch noch - nicht im Westendpark sondern auf der Flutlichtanlage eines nahen Sportplatzes. Nicht nur daß die Tiere zum Fotografieren viel zu weit entfernt blieben, sie entschwanden auch plötzlich nach dem Abflug, ohne daß ich ihren Weg zu den Nestern verfolgen konnte. Die Lösung dieses Rätsels fand ich auf dem Rückweg durch den Hinweis eines Anwohners: Ich hatte die Nester auf dem Weg zum Park übersehen, sie lagen nicht im Park selbst sondern auf den Palmen die die Straße zum Park säumten. Meine visuelle Vorstellung eines Mönchssittichnestes als eines großen Zweighaufens wie ich es von Webervögeln aus einem Zoo kannte - traf nicht zu. Auch bauten sie kein Gemeinschaftsnest, sondern drei Paare besaßen drei Nester auf drei benachbarten Palmen. Noch dazu gingen diese Nester von unten gesehen im Gewirr der Palmwedel unter. Immerhin hatte ich damit die Nester lokalisiert um aber ein Foto mit Vögeln und Nest zu machen war es mittlerweile zu dunkel.

 Auf dem Ausguck
Mönchssittich mit Ast
Ein zweiter Besuch war dann erfolgreich - ich wusste ja wo ich suchen musste. Diese Form des Nestbaues, d.h. die großen und tiefen Höhlen, die aus zwei Kammern bestehen, sorgt dafür, daß die Pärchen gemeinsam im Nest verschwinden können. Während man höhlenbrütende Papageien beim Füttern am Höhleneingang gut fotografieren kann, verschwanden die Mönchsittiche sehr schnell und gemeinsam in der Höhle. Mit ein bißchen Glück konnte man jedoch in der Höhle noch den Kopf eines Tieres erahnen, ein Foto davon zu machen war kaum möglich.

Die Nester haben übrigens andere Neozoen als Untermieter: europäische Spatzen und Stare. Leider ist mir keine Beobachtung von Mönchssittichen beim Fressen gelungen obwohl ich einem Tier recht weit folgen konnte.

 Auf dem Ausguck
Mönchssittiche auf einer elektischen
Leitung neben ihrem Nest

Schlussbemerkungen

Unmittelbar auffällig bei beiden Vorkommen und auch bei den meisten (allen?) im Filde Guide abgebildeten Arten war, das sie genau wie die Vorkommen von Papageien in Europa nicht in der freien Landschaft, sondern in urbanen Siedlungsgebieten liegen, deren Tier und Pflanzenwelt in keiner Weise als 'natürlich' oder 'naturnah' charakterisiert werden können. Diese Stadtlandschaften sind nicht nur das Produkt menschlicher Siedlungstätigkeit, sondern wurden auch durch "Akklimation" von Pflanzen und Tieren - hierzu gab es sogar national und internationale Akklimationsvereine - in der Vergangenheit planmäßig "bereichert".

Einige Papageienarten können heute diese künstlichen Landschaften aufgrund ihrer vielfältigen und kleinflächigen Struktur mit ihren jahreszeitenunabhängigen, reichhaltigen Angeboten offensichtlich besser nutzen als die oft eher eintönige Natur- bzw. Agrarlandschaft um diese Städte herum, die z.B. erhebliche Wanderungsbewegungen zu Nahrungsquellen erfordern würden. Die Tiere leben nicht ohne Feinde und Gefahren in der Stadt.

Argumente wie die Mönchssittiche würden die durch die Ausrottung des einzigen nordamerikanischen Papageis - des Carolinasittich - frei gewordene ökologische Nische besetzen, halte ich für ebenso unzutreffend wie den Vorwurf "Faunenverfälschung" der nicht geeignet ist die Umwandlung von Naturlandschaften in Kulturlandschaften auch nur entfernt zu beschreiben.


Links zu den Papageien in den USA

Literatur:

Dunn, J.L./ Alderfer, J.K./Lehman, P.E. (1999): Field Guide to the Birds of North America. National Geographic, Dritte Ausgabe

Links zu meinen Seiten der hier besprochenen Arten


 Zur Homepage:
D. Franz
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