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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fassung 5.3 (November 2003)
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Mistel Viscum album (Familie: Viscaceae)

Artbeschreibung und Wissenswertes

Misteln kommen mit 1200-1300 Arten weltweit mit Ausnahme der Antarktis vor, sie sind aber keine monophyletische Gruppe. Viscum album , die Weiße Mistel ist ein einheimischer Vertreter, es werden drei Unterarten unterschieden die verschiedene Baumarten bevorzugen. Die lateinische Gattungsbezeichnung Viscum leitet sich vom schon im Altertum aus den Beeren der Mistel bereiteten Leim für den Vogelfang ab. Die wurzellosen Misteln wachsen halbschmarotzend auf Bäumen, sie entziehen ihnen mittels Haustorien Wasser und Nährstoffe, treiben aber selbst Photosynthese. Viscum album bildet bis zu einem Meter Durchmesser große, kugelige, immergrüne Büsche mit kreuzständigen Blättern. Die Äste sind gabelig verzweigt und die Blätter lederig, lanzettförmig. Die Blüten sind unauffällig grüngelb gefärbt. In den Astgabeln stehen mehrere glasige, fleischige Scheinbeeren, in denen zu den 2-3 dunkel gefärbten Embryonen Licht vordringen kann. Kleine Scheinbeeren die ich bei einem Obstbaum in Schwetzingen gepflückt habe, wogen ca. 0,33g je Frucht (n=30).

Giftwirkung, Chemie, Nährwert

Die Früchte von Misteln enthalten wasserlösliche Kohlenhydrate, typischerweise 40-60% des Trockengewichtes, über 10 essentielle Aminosäuren wurden isoliert. Die Eichenmistel Loranthus europaeus enthält Fetttröpfchen. Weiterhin finden sich in besonders hohe Konzentration Phosphor, Kalium, Mangan und Eisen. Giftige Pflanzen sind nur aus einer kleinen Anzahl Arten innerhalb der Viscaceae bekannt (Watson S. 224-225).

Zu dieser Gruppe gehört Viscum album , das als giftig bzw. wenig giftig klassifiziert ist. Die ganze Pflanze enthält die Wirkstoffe. Enthalten sind in den Früchten als Hauptwirkstoff Viscotoxine (Polypeptide aus 43 Aminosäuren), in den Blättern und Zweigen beta-Amyrin, Lupeol und Oleanolsäure sowie zahlreiche weitere Stoffe. Die Giftigkeit ist bei auf verschiedenen Wirtspflanzen wachsenden Misteln unterschiedlich. Am giftigsten sind Misteln von Ahorn, Linde, Wallnuß, Pappel und Robinie, am wenigsten giftig die von Apfelbäumen. Viscotoxine wirken ähnlich wie Bienengift und besitzen zytotoxische Eigenschaften. Die getrockneten Blätter schmecken bitter (Roth/Daunderer/Kormann S. 733-734). Saponine und Sapogenine fehlen dagegen. (Schöpke)

Die toxischen Proteine der Mistel sind vor allem in Blättern und Stengeln enthalten, eine Giftwirkung tritt jedoch nur bei parenteraler Applikation (d.h. meist Injektion) oder der oralen Aufnahme großer Mengen auf. Eventuell fehlen die Viscotoxine in den weißen Scheinbeeren. Misteln scheinen in der Lage zu sein toxische Substanzen der Wirtspflanzen anzureichern (Frohne/ Pfänder S. 264f.)

Der Nährwert des Fruchtfleisches der Scheinbeeren von Viscum album ist für Vögel fraglich: sie enthalten 1,2-2,6% Proteine bei erheblichen Anteilen unverdaulicher Pectose und Zellulose (Handbuch der Vögel Mitteleuropas Bd. 10/II S. 953 f.). Scheinbeeren von Obstbäumen die ich gekostet habe schmeckten nach nichts. Welchen Energiegehalt die Embryonen besitzen war nicht zu ermitteln. Bei Säugetieren (Hund, Pferd, Mensch) besitzt Viscum album eine toxische Wirkung.

Zumindest die gelegentliche Aufnahme von Viscum album ist belegt für: Lachmöwe Larius ridibundus (Schwarz 1988), Mittelspecht Picoides medicus (Schwarze 1986), Schwarzspecht Dryocopus martius (Handbuch Bd. 9, S.987), Rotdrossel Turdus iliacus (Handbuch Bd 11/II S.1147), Misteldrossel Turdus viscivorus (Handbuch Bd. 11/II, S. 1164, 1193; eigene Beobachtung), Singdrossel Turdus philomelos (Handbuch Bd. 11/II, S. 1193), Ringdrossel Turdus torquatus (Handbuch Bd. 11/II, S. 1193), Schwarzdrossel Turdus merula (Handbuch Bd. 11/II, S. 1193), Mönchsgrasmücke Sylvia atricapilla (Brettfeld 1987), Seidenschwanz Bombycilla garrulus (Handbuch Bd. 10/II, S.946), Seidenschnäpper Phainopepla nitens (Handbuch Bd. 10/II, S. 953 f.), Alpenbraunelle Prunella collaris (Handbuch Bd. 10/II, S. 1157), Kernbeißer Coccothraustes coccothraustes (Handbuch Bd. 14, S. 1228), Tannenhäher Nucifraga caryocatactes (Handbuch Bd. 13/II, S. 1557). Auch außerhalb Europas wird Mistel gefressen. Vögel aus mehr als 66 Familien und Säugetiere aus 30 Familien sind als Mistelfresser belegt (Watson S. 228). Hierunter fallen auch Papageien. Belegt ist solches Verhalten für den Gelbsteißsittich Psephotus haematonotus , Helmkakadu Callocephalon fimbriatum , den Blutohrpapagei Pinopsitta haematotis , den Porphyrkopflori Glossopitta porphyrocephala . Wobei die ersten drei Arten die Früchte und der Lori den Nektar frißt. Der Blutohrpapagei nimmt zusätzlich noch die Blüten (u.a. Watson S. 226).

 
Große Alexandersittiche beim Verzehr von auf Robinie wachsenden Mistelbeeren

 

Gefressene Pflanzenteile

Von Halsbandsittiche und Große Alexandersittiche werden die Scheinbeeren, besonders die darin enthaltenen Embryonen gefressen. Ich konnte das Fressen auf Robine, einem Obstbaum sowie einer weiteren Baumart in zwei Wiesbadener Parks beobachten.

Besonders Verhalten

Gefressen werden die Embryonen aus den Scheinbeeren, wobei das klebrige Fruchtfleisch nach Möglichkeit und mit viel Aufwand abgetrennt wird. Kopfschütteln, abstreifen des Schnabels an einem Ast, Fallenlassen sind die Grundtechniken zur Trennung von Fruchtfleisch und Embryo. Von den Embryonen bleibt häufiger einer in den Fraßresten zurück, da sich so offensichtlich das Fruchtfleisch einfacher zu trennen ist. Fraßreste (Blätter, Äste) die sich aber nicht hundertprozent eindeutig Papageien zuordnen lassen sind häufiger im Park zu finden. Beobachtungen sind selten. An rund 220 Beobachtungstagen habe ich 5 Beobachtungen machen können.

Haltererfahrung

Bei Papageien: Keine. Futterexperimente mit einheimischen Vögeln im Freiland und in Volieren z.T. um die Verbreitungsbiologie der Mistel experimentell zu untersuchen waren und sind schwierig. Viele Vögel ignorierten als Futter angebotene Mistel.

 
Blüte-, Frucht,- und Blattzeiten
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Gefressene Pflanzenteile
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Weibchen (unten) füttert Männchen (oben), das Fruchtfleisch zieht einen Faden (Pfeil)

 
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