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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fassung 5.3 (November 2003)
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Eibe Taxus baccata (Familie: Taxaceae)

Artbeschreibung und Wissenswertes

Eiben kommen mit sieben Arten auf der Nordhalbkugel der Erde vor und werden in etwa 80 Wuchsformen in Gärten und Parks angebaut. In der Bundesrepublik steht die europäischen Eibe Taxus baccata unter Naturschutz, sie wird vielfach in Gärten und Parks angepflanzt. Die amerikanische Eibe Taxus brevifolia ist aufgrund der Gewinnung von Taxol (Wirkstoffname: Paclitaxel) für pharmazeutische Zwecke in ihrem heimatlichen Bestand gefährdet.

Eiben (die Gattung Taxus) gehören zur Gruppe der Nacktsamer (Gymnospermae), deren gemeinsame Eigenschaft u.a. das Fehlen des den Samen umgebenden Fruchtknotens ist: der Samen bleibt sozusagen nackt. Dies hat Auswirkungen auf die Verbreitungsbiologie dieser Pflanzengruppe. Nacktsamer sind nicht nur meist windbeststäubend, sondern auch windsamig. Eiben setzen dagegen auf die Verbreitung durch Vögel: sie bilden eine Scheinfrucht aus, wobei ein roter Samenmantel (Arillus) die vogellockende Funktion des Fruchtfleisches übernimmt. Diese Endozoochorie genannte "Verbreitungsstrategie" setzt darauf, dass z.B. Vögel die Frucht fressen und nur das Fruchtfleisch verdaulich ist. Der für die Vermehrung der Pflanze entscheidende Samen ist gegen Verdauungssäfte und mechanische Zerstörung geschützt, er wird im Vogeldarm transportiert. Zumindest ein Teil der gefressenen Samen wird so verbreitet.

Eibe Taxus baccata wird 10 bis 15 m hoch und 8 bis 12 m breit. Ihre Scheinfrüchte ereichen 1-1,2 cm Durchmesser, Scheinfrüchte, die ich gewogen habe, waren rund 0,74g schwer.

Giftwirkung, Chemie, Nährwert

Die Giftwirkung von Eibe auf den Menschen ist spätestens seit dem Altertum bekannt, wo Eibe als Todesbaum galt. Ihr Gift wurde in der Antike für Morde oder Selbstmorde verwendet. (Frohne/Pfänder S. 383)

Die Hauptwirkstoffe in Eibe sind ein Gemisch von verschiedenen Alkaloiden die Taxin (Taxin A, Taxin B, Taxin C und 7 weitere ähnliche Basen) genannt werden. Taxin macht in den Blättern 0,6-1,97 % aus. Vor allem die Nadeln enthalten cyanogene Glykoside (10-40 mg/kg). In geringer Dosis ist auch das Arthopodenhäutungshormon Ecdyson enthalten. Eibe enthällt daneben auch verschiedene Zucker Saccharose und Raffinose (Trisaccharid) sowie eine Reihe weiterer bekannter Stoffe: nach Schimmel richendes Millosin (Myricylalkohol), Taxicatin (Phloroglucindimethyletherglucosid), drei Biflavone, Gallussäure, Spuren von Ephedrin, Calziummalat, Beta-Sitosterin, Leucoanthocyane, Sequoyit, Gerbstoffe, Homoserin (Roth/Daunderer/Kormann S. 694-696). Aufgrund der nur allmählichen Freisetzung von HCN (Blausäure) aus den cyanogenen Glykosiden dürfte diese zu keinen toxikologischen Problemen führen. (Frohne/Pfänder S. 383) Ungiftig ist allein der Arillus, der für Menschen einen faden sehr süßen Geschmack besitzt, der Samen selbst schmeckt nach dem Zerkauen stark bitter. Im Fruchtfleisch finden sich 18 µm große Calziumoxalatdrusen. Die Giftigkeit der Pflanzenteile ist jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen und im Herbst, der Zeit, wenn Eibe fruchtet, am größten. Die große Frage ist, sind alle Tiergruppen von der Giftwirkung betroffen?

Eibe findet sich als Giftpflanze auch auf den Seiten des Instituts für Veterinärpharmakologie und -toxikologie , wobei Säugetiere besonders einige Haus- und Nutztiere (Pferd, Schwein, Rind, Schaf, Ziege, Hund, Katze) im Vordergrund stehen. Unter den Wildtieren werden Hirsch und Braunbär genannt und als einzige Vogelart das Haushuhn erwähnt. Frohne/Pfänder zählen auch die Labortiere Maus und Ratte auf. Schütt/Schuck/Stimm (S. 516) schreiben, dass Rotwild - also Hirsche - nicht von Vergiftungen betroffen ist. (*)

In der Papageienhalterliteratur wird Eibe unter die für Papageien ungeeigneten bzw. giftigen Pflanzen gerechnet.De Grahl (S. 44), Bielfeld (S. 25) schließt sich seinem Vorbehalt an, Schnabl schenkt Eibe keine Beachtung. Diese Position findet sich ensprechend auf einigen Webseiten, die Listen über Giftpflanzen für Papageienvögel führen, deutschsprachig etwa auf: http://www.der-sittich.de , www.sittiche.de und http://www.die-wellensittich-page.de . Doch bleibt die Frage woher diese Einschätzung stammt. Viele Wildvögel fressen (soweit nicht anders angegeben) die Scheinfrüchte, bzw. fressen und verbreiten Eibe: Amsel Turdus merula , Auerhuhn Tetrao urogallus , Bergfink , Buchfink Fringilla coelebs (eventuell nur Arillus), Buntspecht Picoides major (Frucht auch Baumsaft), Eichelhäher Garrulus garrulus , Fasan Phasianus colchicus , Gartengrasmücke Sylvia borin , Grünling Carduelis chloris , Grünspecht Picus viridis , Haselhuhn Bonasa bonasia , Kernbeißer Coccothraustes coccothraustes , Kleiber Sitta europaea , Kohlmeise Parus major , Misteldrossel Turdus viscivorus , Mönchsgrasmücke Sylvia atricapilla , Pirol Oriolus oriolus , Ringdrossel Turdus torquatus , Ringeltaube Columba palumbus , Rotdrossel Turdus iliacus , Rotkehlchen Erithacus rubecula , Seidenschwanz Bombycilla garrulus , Singdrossel Turdus philomelos , Star Sturnus vulgaris , Tannenmeise Parus ater , Teichhuhn Gallinula chloropus , Wacholderdrossel Turdus pilaris , Weißbrauendrossel Turdus obscurus . (Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Schmidt) "Hauptsächlich die Drosselarten (Amsel, Sing-, Mistel- und Wacholderdrossel) fressen die roten Scheinbeeren und scheiden die Kerne wieder aus. Der Kleiber versteckt dagegen gezielt Eibensamen in Felsspalten, Mauerfugen und Borkenritzen." (Schmidt) (*)

 Papagei frisst Eibe
Stuttgarter Amazone
Papagei frisst Eibe
Großer Alexandersittich
Behinderter Halsbandsittich auf Eibe
Behinderter Halsbandsittich

 

Gefressene Pflanzenteile

Halsbandsittiche, Große Alexandersittiche, Biebricher Amazonen und die Stuttgarter Amazonen fressen die Früchte (Details siehe unten). Eventuell werden auch die Blüten gefressen.
Beim Fressen werden Aststückchen gepflückt, die Aufnahme von Rinde, Holz oder Nadeln konnte ich bisher nicht beobachten.

Besonders Verhalten

Was fressen Papageien nun von der Eibe? Alle oben genannten Papageienarten verschmähen den Arillus und verzehren mit Genuss und Ausdauer den darin verborgenen giftigen Zapfen. Papageien können in Gruppen oft lange Zeit beim Fressen beobachtet werden. Eine größer Anhäufung von Eibenzweigen (Fraßresten) stellt ein recht sicheres Indiz für die Anwesenheit der Stuttgarter Amazonen in einem Gebiet dar. (Schmolz) Auch bei den anderen Papageienarten sind die Fraßreste kaum zu übersehen, Eibe ist ein über Monate genutztes wichtiges Herbst- und Winterfutter.
Betrachet man die monatliche Häufigkeit des Fressens von Eibenfrüchten, so liegt dieses nach einer Untersuchung von Snow und Snow im Oktober (Abb. bei Schmidt). Die Papageien nehmen bis weit über den dort dokumentierten Zeitraum Eibenfrüchte zu sich.
In den Fraßresten finden sich große Mengen von Aststücken und Fruchtfleisch. Wenn es der Umgebungslärm erlaubt, kann man laute knackende Geräusche hören, die vom Aufbrechen des Kerns stammen.
Dabei ist ihre Technik, an den Zapfen zu gelangen unterschiedlich. Halsbandsittiche können mit ihrem spitzen Schnabel beim Zugreifen zwischen Zapfen und Fruchtfleisch picken. In einem zweiten Schritt wird dann mit Zunge und Unterschnabel sowie durch Kopfwackeln der Zapfen vom schleimigen Samenmantel getrennt, der einfach herunterfällt und beim Fallen oft Fäden zieht. Die Amazonen mit ihrem eher stumpfen Schnabel verwenden eine andere Technik. Sie klemmen die Frucht mit Unterschnabel und Zunge gegen die Innenseite der Spitze des Oberschnabels und trennen so den Zapfen vom verschmähten Fruchtfleisch. Mit dieser Form des Fressens unterlaufen die Papageien die "Verbreitungsstrategie" der Eibe. Auch Grünling, Kernbeißer, Kohlmeise vermutlich auch Sumpfmeisen öffnen die Kerne zum Fressen. Warum Papageien die zumindest für Säugetiere giftigen Zapfen fressen und die ebenfalls giftigen Ästchen mit dem Schnabel pflücken können ist bisher unbekannt. Aus ihrem Fressverhalten geht jedenfalls eindeutig hervor, dass sie die giftigen Kerne fressen.

Haltererfahrungen

Ina schreibt in den Vogelforen, dass einem ihr bekannter Halter vor einigen Jahren eine größere Gruppe Wellensittiche und Kanarienvögeln nach dem Einbringen von Eibenzweigen in die Volieren gestorben sind. Nicht ausgeschlossen werden könne aber auch eine Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel.


(1) Auf meinen Artikel "Eibe als Papageiennahrung" (Papageien, 4/2001 S. 130-131) gibt es eine Reaktion einer Tierärztin. Barbara Welsch schreibt in "Ein Herz für Tiere": "Fünfzig Nadeln töten ein Pferd, so lernt es der Student der Veterinärmedizin auf der Universität" (Welsch 2002, S. 22). Ich vermute, dass solche Lehrinhalte die besonders auf grasfressende Nutztiere bezogen sind, die Vorbehalte gegen Eibe begründen. Ansonsten trägt sie keine Fakten zum Thema eventuellen Vergiftung von Vögeln durch Eibe bei, rät aber von der Verfütterung ab, da man nichts genaues wisse.

 
Blüte-, Frucht,- und Blattzeiten
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Gefressene Pflanzenteile
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Papagei frißt Eibe
Tropfendes Fruchtfleisch
Fraßrest
Fraßrest

 
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