Vor sechs Jahren etwa gelang es einigen afghanischen Halsband-Sittichen, dem Käfigdasein zu entkommen und sich in der freien Kölner Wildbahn auf Selbstversorgung umzustellen. Heute sind diese Pioniere bereits Stammeltern eines Vogelvolkes, das in Schwärmen auftritt. Ihr Appetit ist es, der Dr. Harro Koch vom Botanischen Garten Sorgen bereitet. In seinen Grünanlagen tun sich die laubgrünen Exoten in diesen Vorfrühlingstagen an den schwellenden Knospen umhegter Bäume und Sträucher gütlich. Der Leiter des Botanischen Gartens, Dr. Harro Koch, kennt die Sittiche, seit sie ihm im vorigen Jahr alle Blüten eines wertvollen Zierkirschenstrauches abfraßen. Ein paar Wochen später machten sie mitten in der Innenstadt von sich reden. An der Thieboldsgasse frühstückten sie eine Zeitlang an einem Trompetenbaum. Dessen Schoten behagten ihnen. Die Frage, was mit den Tieren werden soll, macht inzwischen Botanikern und Zoologen in Köln Kopfzerbrechen. Dr. Koch: "Am Anfang, wenn es nur einige sind, findet man die Tiere putzig bis süß. Später, wenn hier und da mal ein kleiner Schwarm auftaucht, ist es noch erträglich." Koch fürchtet aber, daß die Halsbandsittiche zu einer unerträglichen Plage werden können, wenn sie sich weiter so vermehren. In seinem Garten bangt er bereits um seltene Bäume. Und erste Sittichschwärme haben in Nippes und am Blücherpark schon frühmorgens Kleingärten heimgesucht und Obstbaumknospen abgefressen. Deshalb hat der Botanische Garten nun mit der Bekämpfung begonnen - bisher ohne viel Erfolg. | Heimischen Singvögeln sind die exotischen Vettern weit überlegen. Prof. Dr. Ernst Kullmann, Direktor des Kölner Zoos: "Ich habe die Tiere früher selber in Afghanistan, wo sie ja zu Hause sind, großgezogen und weiß, wie schlau sie sind." Wenn die Sittiche einen Meister des Botanischen Gartens mit der Flinte auftauchen sehen, dem als aktiven Jäger die bewaffnete Schädlingsbekämpfung zufällt (in der Hauptsache aber auch die Hege des im Garten vorhandenen friedlichen Tierbestandes, etwa der Enten), fliegen die Sittiche davon in die Wipfel der höchsten Platanen. Vergiftetes Futter nehmen sie nicht an. Auch aus dem verborgenen Anstand kommt der Jäger kaum zum Schuß: Die Sittiche halten stets große Höhe ein. Oder sie suchen sich ganz frühe Morgenstunden aus, um tiefer herunterzukommen. Bei der geringsten Störung stieben sie davon. Die Sittiche schlafen und nisten auf den höchsten Bäumen in der ruhigen Umgebung der Friedhöfe Kölns. Oft in verlassenen Spechthöhlen. Ihre Herkunft ist unbekannt. Da die klugen Tiere auch gern als Zimmervögel gehalten werden, ist möglicherweise einmal bei einem Händler oder einem Privatmann ein Pärchen "ausgebüchst". Verwundert ist er nicht nur über die Fähigkeit der Vögel, sich durch Eigenernährung in der ungewohnten mitteleuropäischen Umgebung am Leben zu erhalten, sondern auch über die Klimaanpassung; "Selbst der kalte Winter hat es nicht geschafft, ihre Zahl zu verringern." |