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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fassung 5.1 (Sommer 2001)
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2. Einführung

Europas erste Papageien

Eigentlich gibt es keine freilebenden Papageien mehr in Europa, dies war nicht immer so. Vor ca. 50 Mill. Jahren, im Eozän, lebten Papageien in Hessen. Ihre Überreste finden sich heute in den Sedimenten der der Grube Messel bei Darmstadt. Auch im Miozän (vor ca. 29 Mill. Jahren) fanden sich Papageienknochen in Frankreich und der Bundesrepublik (Mayr).

In der Gegenwart konnten sich in einigen mitteleuropäischen Ländern wieder Papageienpopulationen etablieren, die nach der Flucht bzw. der Freilassung einiger Tiere aus Gefangenschaft entstanden waren. Solche an vielen Orten der Welt auftretenden Vorkommen sind ein Kennzeichen zunehmender Urbanisierung. Eines dieser Vorkommen im Schloßpark von Wiesbaden Biebrich, das ca. 20 Busminuten von meiner Wohnung entfernt liegt, steht auf diesen Internetseiten dabei im Mittelpunkt.

Beobachtungsmöglichkeiten in Wiesbaden

Der Schloßpark Wiesbaden-Biebrich (Größe: 35 Hektar) liegt direkt am Rhein. Hinter dem Schloß öffnet sich ein großer Park mit einem teilweise recht alten Baumbestand. Der Park wird von zwei Rinnsalen durchflossen und besitzt im hinteren Teil einen Stauteich, der vor allem von Stadtenten bevölkert wird (häufige Gäste sind Nilgans, Reiherente, Kolbenente, Tafelente). 1997 und 1998 brütete ein Zwergtaucherpärchen.

Der Park wird vom Wiesbadener Stadtteil Biebrich umschlossen, wenige hundert Meter rheinaufwärts liegen ein Zweigwerk der Firma Hoechst und ein Betonwerk. Rheinabwärts liegt der Ortsteil Schierstein mit einem Naturschutzgebiet ( Naturbeobachtung in Hessen ).

Im NSG Schierstein, wird vor allem Storchenschutz betrieben. Gegenüber des Schlosses liegt eine Rheininsel, die Rettbergsau. Wärend der Brutzeit kann besonders von der Bushaltestelle Rheinufer eine Graureiherkolonie beobachtet werden. Oft sind auch ca. 10 Rotmilane zu sehen.

Der Schloßpark ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Werktags fahren vom Mainzer und Wiesbadener Hauptbahnhof Busse im Zwanzigminutentakt. Samstag und Sonntag ist die Busfrequenz etwas geringer.

Halsbandsittiche sind nicht nur im Biebricher Schloßpark, sondern auch in geringerer Zahl im Wiesbadener Kurpark anzutreffen.

Auf der gegegenüberliegenden Rheinseite, in Mombach, wurden mir im Herbst 1999 Halsbandsittiche gemeldet, die morgens in Richtung Schierstein flogen, in Gonsenheim existierte vor Jahren eine kleine Kolonie.

 Blick in den Park
Blick in den Park
Lageplan
Lageplan

 

Schon beim Betreten des Schloßparks sind ungewöhnliche Vogelstimmen zu hören. Die Entdeckung der Urheber dieser Geräusche ist während der Vegetationsperiode durch deren grüne Farbe erschwert. Nach Ende der Brutperiode verlassen die Halsbandsittiche den Park und sind dann kaum noch zu beobachten.
Die beste Beobachtungszeit ist Oktober bis Mai.

Am leichtesten sind die Papageien dann zunächst im Flug zu identifizieren: das Flugbild der Vögel unterscheidet sich aufgrund der schmalen, spitzen Flügel und des langen schmalen Schwanzes sowie des roten Papageienschnabels deutlich von allen anderen einheimischen Vögeln. Auch die Größe und die grüne Farbe sind in der Luft sehr auffällig.

Einfacher sind Papageien natürlich in den blattfreien Jahreszeiten zu bemerken.

 Flugbild

Wer die Vögel gründlich beobachten und die verschiedenen Arten unterschieden möchte, dem sei die Mitnahme eines Feldstechers oder Spektivs, eventuell auch eines Klappstuhls empfohlen. Aufgrund der Lage der Bruthöhlen in den Parkbäumen beträgt die bequem erreichbare Entfernung zu den Vögeln zwischen 20 und 40 Meter, sehr selten 5-6 m. Die Vögel fühlen sich von den Besuchern des Parks nur beim Aufenthalt in Bodennähe gestört, ihr Verhalten kann so in Ruhe beobachtet werden.

Je besser man über eine Tiergruppe informiert ist, desto einfacher und vollständiger werden die Beobachtungen sein, die man machen wird. Daher hier einige einleitende Worte zu den Besonderheiten von Papageien.


Besondere Fähigkeiten und Verhalten von Papageien

Brehms Tierleben charakterisiert Papageien sehr treffend als fliegende Affen. Affen, wie auch Papageien, sind intelligent, sozial und klettern gerne. Die meisten Vertreter beider Tiergruppen leben überwiegend von pflanzlicher Kost, die durch tierische Beikost ergänzt wird. Ihre besonderen Fähigkeiten erhalten Papageien auch durch anatomische Eigentümlichkeiten.

An den Füßen sind, ähnlich wie bei Spechten, zwei Zehen nach hinten gerichtet. Klettern in Bäumen wird so erleichtert, zusammen mit dem Schwanz können sich Halsbandsittiche fast wie Spechte an den Öffnungen der Bruthöhlen festhalten. Wird der Schnabel zur Hilfe genommen, bewegen sie sich immer mit zwei von drei Haltemöglichkeiten gesichert durch die schwankenden Zweige. Sie zeigen keine Furcht, sich kopfüber von einem Ast herunterzuhängen, an ihm kopfüber herabzuklettern oder gar nur mit einem Fuß festgehalten an der Unterseite eines Astes oder der Öffnung einer Baumhöhle zu hängen (Bild rechts).

Die Füße dienen auch als Greifhand bei der Nahrungsaufnahme. Oftmals sind die Tiere dabei zu beobachten, daß sie auf einem Bein sitzen und in dem anderen Fuß Futter halten. Papageien sind die einzige Vogelgruppe, die mit dem Fuß Nahrung zum Schnabel führen.

 Kletternder Halsbandsittich 

Diese Anpassung der Papageienfüße an das Klettern führt dazu, daß die meisten Arten auf dem Boden ausgesprochen schlecht zu Fuß sind. Aber Papageien können ja fliegen, um größere und kleinere Strecken zu überwinden. Das Flugvermögen ist bei den einzelnen Arten sehr unterschiedlich ausgebildet.

Verwunderlich bei dem guten Flugvermögen und der oft kletternden Fortbewegung ist das geringe stereoskopische Sehen der Papageien, das binokulare Sehfeld beträgt vermutlich nur 6-10º: Papageien fixieren einen fliegenden Greifvogel daher nur mit einem Auge. Das Farbsehvermögen der Papageien scheint dagegen größer als beim Menschen zu sein und reicht vermutlich bis hinein in den UV-Bereich (vgl. Lantermann S. 81).

Der kräftige und sehr bewegliche Schnabel und die Zunge ermöglicht vor allem die Aufnahme unterschiedlicher pflanzlicher Nahrung, begonnen bei Knospen, Blättern und Rinde, bis hin zu Früchten und Nüssen. Hierzu kommen noch Zusatzkost, die z.B. aus Insekten und Insektenlarven besteht. Das Zusammenwirken von Schnabel und Zunge ermöglicht den Papageien einen feinfühligen Umgang mit Nahrung, unverdauliche 'Verpackung' kann so von den fressbaren Bestandteilen getrennt werden. Der 'Abfall' wird einfach fallen gelassen. Solche Fraßspuren können ein guter Hinweis auf bevorzugte Futterbäume sein.

Wie bei vielen Vogelarten wird der Schnabel auch zur Verteidigung eingesetzt und mit ihm werden auch Bruthöhlen erweitert. Papageien besitzen - wie alle Vögel - im Unterschied zu den Säugetieren relativ wenige Geschmacksknospen, so dass der Geschmackssinn vermutlich keine so große Rolle bei der Beurteilung der Nahrung spielt. Die an den Schnabelrändern gelegenen Tastkörperchen spielen bei der Beurteilung von Form, Härte und Beschaffenheit vermutlich eine größere Rolle (Lantermann S. 82).

 Der Fuss als Greifhand und die Zusammenarbeit von Schnabel und Zunge

Bei den in der Bundesrepublik freilebenden Papageienarten können sehr schön unterschiedlichste Verhaltensweisen beobachtet werden, die an die Gegebenheiten der neuen Heimat adaptiert wurden. Besonders zählen hierzu Sozial- und Brutverhalten sowie die Nahrungssuche. Nicht nur Halsbandsittiche, sondern auch einige andere Generalisten unter den Papageien sind zu solchen Anpassungsleistungen fähig.

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