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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fünfte Fassung, (Januar 2001)
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11. Faunenverfälschung

Bis zur Überarbeitung hier die alte Fassung in neuem Layout

Zum Begriff Faunenverfälschung

Bei der Beurteilung von Neozoen ergeben sich einige komplexe Probleme um zu einem Urteil zu kommen. Wenige knappe Sätze reichen hier kaum. Es stellt sich die Frage nach dem Bewertungsmaßstab und den Methoden, mit denen Aussagen abzusichern sind. Im Grunde wäre zuerst zu bestimmen, was das Konzept der Faunenverfälschung umfaßt, welchen Geltungsbereich es umfassen könnte und welche Aussagen damit getroffen werden können. Dazu muss ich mich erst noch gründlicher einlesen. Einen guten Einblick bietet: Gebhardt, H./ Kinzelbach, R./ Schmidt-Fischer, S. Hrsg. (1998): Gebietsfremde Tierarten , dem aber leider ein historischer Teil fehlt. Einen guten Überblick über die Einwanderung von Tieren nach Europa bis 1963 bietet: Niethammer, G. (1963): Die Einbürgerung von Säugern und Vögeln in Europa. Hamburg und Berlin . Auch in diesem Buch konnte ich bisher keine Geschichte des Begriffs "Faunenverfälschung" finden.

Eine Suche in Büchern zur Biologiegeschichte und in Lexika blieb ebenfalls bisher erfolglos. Ein Überraschungsfund in meinem Bücherschrank, ein altes Kosmosbändchen: Floericke, K. (1926) "Zwischen Pol und Äquator" enthielt in der Einleitung einige Hinweise zu Faunenverfälschung, die hier im Rahmen eines ganzheitsbiologischen Konzeptes interpretiert werden. Ich bin mir nicht sicher ob außerhalb einer solchen Konzeption der Begriff "Faunenverfälschung" überhaupt einen Sinn machen kann.

Schon in Floerickes Werk tauchen die Kaninchen in Australen auf.


Die australischen Kaninchen

Die europäischen Kaninchen in Australien sind eines der festgefügten Bilder, das früher oder später bei jeder Diskussion um Faunenverfälschung auftaucht. Sie seien nach ihrer Freisetzung und anschließenden Massenvermehrung weder durch Jagt, Gift, extra importierte Feinde oder Krankheiten in den Griff zu bekommen. Ihr auftreten gefährde einheimische Arten. Visualisiert wird diese Situation durch Unmengen von Kaninchen die durch eine leergefressene Landschaft irren und nach Nahrung und Wasser suchen. Doch stimmt diese Darstellung, die bereits in der populärwissenschftlichen Literatur seit den zwanziger Jahren, in bundesrepublikanischen Biologieschulbüchern oder heutigen Naturfilmen findet? Wohl kaum: Sucht man in der wissenschaftlichen Literatur, so ist es mehr als erstaunlich, daß "es kaum einen wissenschaftlich einwandfrei dokumentierten Beleg dafür gibt, daß Kaninchen heimische Arten verdrängt und/oder ökologische Schäden verursacht hätten, gefährliche Parasiten oder Krankheiten eingeschleppt und jagbares Wild beieinträchtigt habe. Was die Kaninchen dagegen ohne Zweifel verursachten, waren wirtschaftliche Schäden für die Schaffarmer, weil sie Schafen Nahrung und Wasser durch Mitbenutzung streitig machen. Nun darf man fragen, ob Schafe, nach europäischem Muster gemanagtes Farmland und künstlich gebohrte Wasserstellen nach Australien gehören. Es sei dahingestellt, ob die Kaninchen größere ökologische Schäden verursachen als Schafe. Ohne Zweifel war die Umwandlung riesiger Flächen australischer Natur in Kulturland, die die Lebensbedingungen für Kaninchen schuf und ihre Massenvermehrung erst ermöglicht hatte." (Reichholf S. 40f.)
An diesem Beispiel ist sehr leicht zu sehen, daß die Beschränkung des 'Kaninchenproblems' in Australien auf den Aspekt 'Faunenverfälschung' durch eine Art in keinster Weise den tatsächlichen Prozessen der Umwandlung von Landschaften durch Menschen gerecht wird. Ebenso ist es äußerst problematisch, im bezug auf die Papageien in Europa in der Art eines Schnellgerichtes ein Urteil zu fällen ohne auch hier die umfangreichen Umwandlungsprozesse der Landschaft, Flora und Fauna mit einzubeziehen.


Mögliche Auswirkungen

Hier erst mal eine kleine Liste möglicher Auswirkungen:

  • Es gibt keine Probleme mit der Bastardisierung mit bedrohten einheimischen Arten;
  • Die Übertragung von Parasiten und Infektionen scheint keine Rolle zu spielen - jedenfalls gibt es keinen Beleg dafür.
  • Die Vernichtung von Futterpflanzen ist nicht zu erwarten, die überwiegend vegetarische Ernährung gefährdet auch keine Futtertiere. Eventuelle Schäden an Pflanzen treffen kaum seltene einheimische Arten in Naturlandschaften. Landwirtschaftliche Obstplantagen werden gemieden
  • Halsbandsittiche vermehren sich nicht explosionsartig und unbegrenzt - auch wenn das manchen Beobachtern so erscheinen mag. Einige der in der Bundesrepublik bestehenden Populationen sind nach wenigen Jahren wieder verschwunden. Zum anderen ist etwa die Populationsstärke in Biebrich stabil.
  • Halsbandsittiche, und auch die anderen Papageienarten, verlassen kaum Stadtlandschaften und stellen so kein Problem für die letzten naturnahen Faunenrelikte in Deutschland dar.


Stellungnahmen von Naturschutzverbänden

Eingeschleppte Tierarten erobern Hessens Lebensräume
BUND warnt vor unkontrollierter Ausbreitung der Neozoen
Einheimische Arten bleiben auf der Strecke

Aus einer Pressemitteilung BUND-Hessen vom Juli 1999
Quelle: http://www.bund.net/offenbach/pe_neozo.htm

"Eingeschleppte Tiere (Neozoen) bedrängen die heimische Fauna Hessens. Vor allem viele Amphibien und die letzten heimischen Sumpfschildkröten werden von den unfreiwilligen Neubürgern hart bedrängt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) appelliert an die Bürgerinnen und Bürger zu verantwortungsvollem Umgang mit Tieren. Vom Tierhandel fordert der BUND einen Verkaufsverzicht für aggressive Neozoen.

[...]

Nicht weniger exotisch, derzeit aber noch unproblematisch, sind die freilebenden Wiesbadener Papageien, die sich schon seit Jahren im Biebricher Schloßpark und auf der gegenüberliegenden Rheininsel, dem Naturschutzgebiet "Rettbergsaue", tummeln. Zur Freude der Wiesbadener Schloßparkbesucher werden sie auch im Winter durchgefüttert.

Und so mischen sich die Alexandersittiche, Halsbandsittiche und Blaustirnamazonen aus Übersee unter heimische Amseln, Drosseln, Finken und Stare, bislang noch ohne nenneswerte Nachteile für die angestammten Revierinhaber.

Da die drei Papageienarten zwar hier brüten, bislang aber nur geringe Ausbreitungstendenz zeigen und lediglich einigen Staren und Dohlen die Nisthöhlen streitig machen, gelten sie als Bereicherung der Wiesbadener Stadtfauna. Dennoch sollten die Populationen aufmerksam beobachtet werden, um einer unkontrollierten Ausbreitung vorzubeugen, rät der BUND. [...]"

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