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Papageien vor der Haustür
Halsbandsittiche in Wiesbaden

Fassung 5.7 (2007)
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Karolinasittich (Conuropsis carolinensis) in Seebach

In seiner Jugendzeit experimentierte der Begründer des wissenschaftlichen Vogelschutzes in Deutschland Hans Freiherr von Berlepsch (1857-1933) mit der Freisetzung des Karolinasittich (Conuropsis carolinensis). Karolinasittiche waren um 1875 auf dem Vogelmarkt nicht selten und recht günstig, etwa zum Preis von Wellensittichen zu erwerben, ca. 1880 wurden die Angebote auf bei deutschen Händlern selten. 1896 verkaufte Hagenbeck zwei Paare für astronomisch hohe Summe von je 150 RM an den Berliner Zoo, nachdem die Tiere auf zwei Ausstellungen gezeigt wurden. Die letzten Tiere sollen einen Preis von 4000 $ erzielt haben.


Ein Karolinasittich schaut aus einer Brothöhle in Platane (Fotomontage).
Platanenbruthöhlen sind in der Literatur durch Augenzeugenberichte gut belegt.

Es ist sehr sonderbar zu sehen, wie in der "Gefiederten Welt" in den Jahren 1872-1900 permamanent das baldige Aussterben dieser Art vermutet wird. Die Ursachen des Aussterbens: Jagd, d.h. Massenabschüsse und Bitopvernichtung, d.h. Zersiedelung, Abholzung etc. beklagt werden und niemand auf die Idee kommt hier eine Erhaltungszucht zu beginnen. Sonderbar mutet z.B. folgendes Urteil über auf einer Austellung gezeigte Tiere an: "es ist erfreulich, daß ihn die Liebhaber noch (eigene Hervorhebung) aus eigener Erfahrung kennen lernen können" (Ruß 1896). Ich halte das für ein sehr trauriges Kapitel der Papageienhaltung. Das letzte Exemplar der einzigen nordamerikanischen Papageienart starb 1918 in einem Zoo. In Deutschland waren Karolinasittiche auch um 1880 im Frankfurter Zoo zu bestaunen.

Bei Vogelhaltern war der Karolinasittich wenig beliebt, da er eine unangenehme und laute Stimme besaß und sehr gerne Holz und Wohnungseinrichtungen zernagte. In der Stubenhaltung konnte ihm nur unter ständiger Beaufsichtigung Freiflug gewährt werden und selbst Nistkästen aus Hartholz wurden zerschreddert. Hierin glich er Mönchssittichen.

Das Experiment von Berlepschs begann aufgrund einer Zufallsbeobachtung. Sein Pärchen hatte sich aus dem Käfig befreit und war aus dem Fenster hinausgeflogen. Versuche, die Tiere einzufangen schlugen aufgrund der Fluggewandtheit und Schlauheit der Tiere fehl. Am Abend kehrten beide Vögel zurück und suchten ihren Käfig zum Schlafen auf. Berlepsch ließ daraufhin häufiger beide Tiere fliegen, abends kehrten die Vögel immer in ihrern Bauer zurück, wo sie auch gefüttert wurden. Nachdem einer der Vögel gestorben war, schloß sich der verbleibende Vogel einem ebenfalls von Berlepsch gehaltenen Taubenschwarm an, den er Sommer wie Winter, auch bei Regen, Schnee und Sturm begleitete. Von der Winterhärte dieses Sittichs überzeugt, begann er sein Freiflugexpeiment indem er zwei neue Paare (und den Einzelvogel) mehrere Wochen in eine neu geschaffenen Schlag einsperrte und diesen dann öffnete. Die Vögel verhielten sich erwartungsgemäß. Obwohl auch hier ein Vogel verschwand und ein weiterer Vogel zu rupfen begann bis er nicht mehr fliegen konnte, was Berlepsch durch den erneuten Kauf von Tieren kompensierte. Berlepschs Bericht aus dem Jahr 1874 ist noch voller Eupohorie und er empfielt jedem Vogelhalter, dieses Experiment zu wagen, da die Vögel durch ihre klimatische Eignung und Standtorttreue ideal für solche Experimente seien (Berlepsch 1874). Dieses Experiment hat offensichtlich niemand wiederhohlt, und so müssen wir heute das Aussterben des Vogels beklagen, und dieses bei einem Papagei, der auch als Stubenvogel mit den Techniken des 19. Jahrhunderts zur Brut zu bekommen war.


Hans von Berlepsch

Karolinasittich

Über den Anfang seines Experimentes berichtete Berlepsch in seiner Jugend. Weitere Details zu seinem Experiment lassen sich nur einer autobiographischen Skizze entnehmen, die der 72 jährige Berlepsch schrieb: "Mit Erfolg habe ich in jener Zeit zu Hause Wellensittiche und den jetzt schon seit langem ausgerotteten Karolinasittich gezüchtet. Letztere herrlich grünen Vögel mit gelb und rotem Kopf, von der Größe und Gestalt, auch Flug des Turmfalken, bewohnten einen früheren Taubenschlag. Mit zwei Paar beginnend, hatten sie sich allmählich auf einige 20 Stück vermehrt. Des Taubenschlages entwöhnt sie sich mehr und mehr Sie suchten ihn nur noch als Futterstelle auf. Sie brüteten in natürlichen Höhlen zweier alten Linden. Da sie in geschlossenen Flügen meilenweit das Land durchreisten, bat ich in den gelesenen Zeitungen von Zeit zu Zeit um Schonung. Eines Tages - es war gerade in den letzten Weihnachtsferien - waren nur noch einige sichtbar, und am nächsten Tage waren alle verschwunden. Nachforschungen blieben erfolglos. Erst einige Jahrzehnte später hat sich das traurige Rätsel gelöst. In einer 50 km entfernten Dorfschenke fand ich eine ganze Anzahl verräucherter Überreste von Karolinasittichen, und der Wirt berichtete, daß Vater selig diese komischen Vögel einst innerhalb zweier Tage von der Hoflinde geschossen habe. Er entsinne sich noch seiner Erzählung, daß um die zuletzt gefallenen die andern immer erneut herumgeflattert seien und sich so bis zum letzten hätten vernichten lassen. Also auch hier das Lied vom Ende dieses seltenen Vogels." (Berlepsch 1929, S. 28f.)

Dieses Gruppenverhalten, die Versammlung der lebenden Papageien um ihre getöteten Schwarmmitglieder ist an freilebenden Papageien in ihrer nordamerikanischen Heimat beobachtet worden, und dürfte ein Grund sein warum innerhalb recht kurzer Zeit durch massenhafte Abschüsse die Zahl der Karolinasittiche rapide abnahm (Nehling 1879).

Wie sind diese Angaben von Berlepsch zu werten? Die Gruppe von Berlepsch war irgendwo auf dem Weg zwischen Freiflug und Freileben. Es ist gut vorstellbar, daß die Tiere, wären sie nicht abgeschossen worden, den Übergang zu einem eigenständigen Freileben geschafft hätten. Ein Blick auf die Nahrungspflanzen (siehe unten) und die Winterhärte der Vögel lassen dieses als durchaus möglich erscheinen.
Einen lebenden Vogel in Deutschland (oder sonstwo auf der Welt!) zu finden dürfte also unmöglich sein. Was bleibt ist nur noch die historische Spurensuche. Existiert vielleicht ein Präparat eines Vogels aus dieser Gruppe, gibt es genauere Angaben über die Vögel, die vielleicht sogar die in der Literatur fehlenden Angaben ergänzen können?

Weltweit sind noch 720 Präparate des Karolinasittichs in öffentlichen Sammlungen erhalten, davon 42 in der Bundesrepublik (Luther S. 115). Der Karolinasittich ist damit der an Präparaten weitaus häufigste ausgestorbene Papagei in wissenschaftlichen Sammlungen, von allen anderen ausgestorbenen Papageienarten exitieren zusammen nicht soviele Präparate. Aufgrund der Angaben über Herkunftsorte, Vorbesitzer oder Fangdatum läßt sich die Überlieferung eines Karolinasittichs aus der von Berlepschen Gruppe in einer größeren wissenschaftlichen Sammlung in der Bundesrepublik ausschließen. Bliebe noch, einen 'verräucherten Überrest' in einem Heimatmuseum oder einer Privatsammlung sowie der Dorfschenke selbst zu suchen. Hier kann nur Glück weiterhelfen.

Zur Biologie des Karolinasittichs

Die Angaben zur Biologie des Karolinasittichs sind wenn man in die Literatur schaut sehr lückenhaft. Er ist ausgestorben bevor er mit moderneren Methoden der Biologie, bzw. Fragestellungen der Papageienkunde untersucht werden konnte.

Unterarten: Conuropsis carolinensis carolinensis (Linne); Conuropsis carolinensis ludovicianus Gmelin.
Verbreitung: Südosten der USA, bis hinauf nach New York (siehe Karte).
Größe: 30 cm, Gewicht unbekannt.
Färbung: Gelbgrün, mit orange/gelb abgesetzten Kopf. Schnabel hornfarben, Füße fleischfarben. Jungtiere weniger bunt. Nestlinge mit grauen Dunen.
Geschlechtsunterschiede: keine im Gefieder, event. Proportionsunterschiede des Kopfes
Brutbiologie: Wenig bekannt, vermutlich Höhlenbrüter eventuell aber auch Nester ähnlich Mönchssittichen.
Erstzucht: 1877 in Frankreich
Lebensdauer: mehr als 10 oder 12 Jahre wurden in Gefangenschaft erreicht


Verbreitungskarte USA

Nahrung

Die Nahrung der Sittiche bestand in der amerikanischen Heimat aus den Früchten und Samen zahlreicher Pflanzen, auch Kulturpfklanzen (siehe Tabelle). Die große Übereinstimmung mit Pflanzen die bei uns und an anderen Orten weltweit von Halsbandsittichen gefressen werden (Arten bzw. Gattungen in der Tabelle mit einem Papageienkopf markiert) zeigt das auch Karolinasittiche Nahrungsuniversalisten waren und das schon damals besonders Kulturpflanzen weit verschleppt wurden. Neben vegitabilischer Nahrung fraßen Karolinasittiche auch Insekten. (Snyder 2005, S. 88f) In Gefangenschaft wurden Hanf, Hafer (am liebsten geschält), Sonnenblumen, Kolbenhirse, Senegalglanzsamen, Bucheckern, Fichtensamen, Reis, Mais (am liebsten halbgar), das innere von Weißbrot, verschiedene Beeren, Berberitze, Schlehe, Weißdorn genommen. Besondere Leckerbissen waren Zirbelkiefernsamen, frische Kirschen, Weintrauben, Hagebutten, die Zapfen vom Lebensbaum, Platanenfrüchte (die Vögel ließen dafür alles liegen, vermutlich wurden sie aber nur beknabbert), Apfelkerne, Zypressensamen sowie Spitzklette. Verschmäht wurden: Weizen, Spinat, Salat u.ä. Grünzeug, weiße Hirse, Obst, Ameisenpuppen, rote Hirse, in Milch gequollenes Weißbrot, Keimfutter. Besonders Pappeläste wurden gerne zernagt, weniger beliebt waren Weidenäste, andere Äste wurden ignoriert (Nowotny 1880). Die Tiere nahmen auch Weichfutter für Falken (Puschig 1891).

Brutverhalten

Da Berlepsch keine Beschreibung des Brutverhaltens hinterließ, sei diese aus zwei Haltungsberichten (Nowotny 1880 und Arpert 1885) ergänzt. Neben diesen beiden Zuchten, bzw. Zuchtversuchen, war zumindest noch der erste Herausgeber der 'Gefiederten Welt', Karl Ruß, im deutschen Sprachraum erfolgreich. Obwohl viele Zuchtversuche fehlschlugen, galt die Zucht als leicht. Doch nun zu den Berichten von Nowotny, der mit seinem ersten Sittichpärchen erfolgreich war. Nach mehreren Versuchen, bei denen das Pärchen den Nistkasten zerschredderte, begann das Pärchen doch noch mit der Brut. Ob wie bei der Zucht von Arpert sich beide Elterntiere am Brutgeschäft, beteiligten geht aus der Quelle nicht deutlich hervor.

  • 17. Juni 1879, bis Anfang August, das Weibchen frisst gerne Mauerwerk (Malter), Sepia wird ignoriert.
  • 17.-29. Juni, das Weibchen verliert viele Federn, täglich werden 2-3 größere Federn verloren. am 28. Juni verliert das Weibchen 8 Bauchfedern.
  • 29. Juni zwei Eier werden auf den Käfigboden gelegt, nachmittags liegt dort ein drittes Ei. Der Halter legt alle Bodeneier zu den Eiern im Nistkasten. Das Weibchen verliert weitere 20 Bauchfedern.
  • 1. Juli: alle Eier liegen angepickt und ausgesoffen im Nistkasten.
  • 19. Juli, ein neues Ei im Nistkasten, es folgen noch zwei Eier.
  • 9. August, Rufe eines Jungvogels.
  • 10. August, Rufe des zweiten Jungvogels, auch der dritte schlüpft ohne Angabe des Zeitpunktes.
  • 6. September, der jüngste und kleinste Jungvogel liegt am Käfigboden, er wurde vermutlich von den Eltern hinausgeworfen. Obwohl der Vogel in das Nest zurückgesetzt wurde, verstirbt er.
  • 17. September die nun fast ganz grünen Jungsittiche werden nach einem Umzug von Wien nach Meran nicht mehr von den Alttieren gefüttert.
  • 23. und 24. September, beide Jungvögel werden krank und versterben.
Immerhin läßt sich damit die Brutdauer auf rund 21 Tage und die Zeit vom Schlupf bis zum Entwöhnen auf rund 43 Tage festlegen. Die Angaben zur Gelegegröße sind beim zweiten Zuchtbericht kontinuierlicher. 1882 wurden 5 Eier gelegt, wovon 2 Jungtiere aufwuchsen. Im Juni 1883 wurden 3 Eier gelegt, alle drei Jungtiere wurden groß und gingen in den Verkauf (wovon 2 Tiere erfolgreich in Ragitter Freiflug? gewährt wurde). Im Juni 1884 wurden 4 Eier gelegt nach 8 Wochen waren alle 4 Jungtiere ausgeflogen. Die Jungtiere nutzten noch 4 Monate nach dem Ausfliegen die Bruthöhle als Schlafplatz (Arpert 1885).

Nahrung im Freiland (USA)
AhornAcer sp.
PawpawAsimina triloba 
BirkeBetula sp.
HanfCanabis sativa
PekannussCarya illinoensis
Zürgelbaum Celtis sp.
 Cenchur sp. 
 Cirsium lecontei 
OrangeCitrus sp.
KornelkirscheCornus sp. 
Helles EbenholzDiospyros virginiana 
BucheFagus gradifolia
FeigeFicus sp.
ErdbeereFragaria sp.
LederhülsenbaumGleditsia tricanthos
MilchorangenbaumMaclura pomifera 
ApfelMalus domestica
MaulbeereMorus sp.
BananeMusa sp.
Wald-TupeloNyssa sylvatica 
KieferPinus sp
PlatanePlatanus occidentalis
PfirsichPrunus persica
KirschePrunus sp.
ApfelbirnePyrus malus 
EicheQuercus sp.
Brom- oder HimbeereRubus sp.
PalmettopalmeSabal palmetto 
 Sideroxyllum foetidissimum 
SumpfzypresseTaxodium distichum
WeizenTritium aestivum
UlmeUlmus sp.
HartriegelViburnum sp.
 Vitus sp. 
SpitzkletteXanthium sp.
SzechuanpfefferZanthoxylum clava-herculis
MaisZea mays
= Wird auch von Halsbandsittichen gefressen.
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