Obwohl folgende Informationen vor allem aus Berichten über Freiflugexperimente und Einbürgerungsversuche resultieren, bieten sie doch die Möglichkeit die Chanchen von Gefangenschaftsflüchtlingen abzuschätzen. Folgende Faktoren begünstigen und ermöglichen die Ansiedlung von Vögeln: - eine möglichst zahlreiche Ausgangsgruppe (d.h. besonders wahrscheinlich bei preiswerten Papageien, die in Gruppen gehalten werden) oder eine spätere Verstärkung der Gruppe. Es müssen beide Geschlechter vorhanden sein;
- klimatische Eignung (Temperatur, aber auch Luftfeuchtigkeit);
- geeignete und ganzjährig vorhandene Nahrung, unspezialisierte Arten haben es leichter;
- geringe Spezialisierung in Bezug auf Nistmöglichkeiten u.ä.;
- die Möglichkeit Feinden auszuweichen oder diese abzuwehren (größere, kräftige und farblich unauffällige Arten sind hier im Vorteil);
- Stand- oder besser Strichvögel - Zugvögel sind problematisch da sie die Zugbewegungen nicht mehr richtig aufführen können, Standvögel haben Probleme bei Nahrungsmangel an einem Ort;
- Bildung von Brutkolonien bzw. Schlafkolonien, fördert u.a. das Auffinden von geeigneten Partnervögeln bei ansonsten geringer Vogelzahl;
- Lernfähigkeit.
Über Halsbandsittiche hinaus existieren einige Papageienarten, die diese Voraussetzungen erfüllen. Die auffällige Färbung, der Lärm und die oft fehlende Scheu vor Menschen sind Faktoren, die die Entwicklung von Populationen oft verhindern. Schon bei den vermutlich ältesten Versuchen Papageien in Europa heimisch zu machen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien stattfanden, hatte man damit zu kämpfen. Die Papageien haben sich zwar an das europäische Klima gewöhnt und auch im Freiland gebrütet aber man schiesse "die auffallenden Fremdlinge einfach tot, wo man sie bemerkt, und bereitet damit allen Einbürgerungsversuchen ein jähes Ende" (Brehm 1891, S. 179). Es gab einfach "so viele erbärmliche Flinten" (ebd.) wie ein zeitgenössischer Berichterstatter beklagte. Und nicht nur in den vereinigten Königreichen wurde geschossen: - 11 Graupapageien eines im Freiflug gehaltenen Trupps um 1870 in Northfoke (GB) (Niethammer S. 285),
- ca. 20 Carolinasittiche eines im Freiflug gehaltenen Trupps um 1876 in Deutschland (Berlepsch S.28),
- ca. 1885 Abschüsse einiger Mönchssittiche in Sohland unweit Görlitz (Niethammer S. 282),
- ca. 1930 Abschüsse einiger Mönchssittiche in Berlin (Niethammer S. 282),
- 3 Gelbhaubenkakadus eines Trupps vor 1955 bei Stadelau in Östereich, darunter auch echte Freilandbruten (Niethammer S. 281),
- 1975 wurde in Köln eine Abschussaktionen durchgeführt die über 100 Halsbandsittichen das Leben kostete (Bezzel S.621)
- 1989 gab es in wilde Abschussaktionen Wiesbaden Biebrich, ebenfalls bei Halsbandsittichen (Zingel 1990)
- 1 Gelbscheitelamazone 1998 in Stuttgart
Die derzeit sehr restriktive Gesetzeslage bei der Herstellung und dem Besitz von Präparaten dürfte dazu führen, das Abschüsse nur noch in Ausnahmefällen bekannt werden, wohingegen solche Trophähen früher z.B. öffentlichen Sammlungen geschenkt wurden und somit eine größere Chance bestand, dass ein Abschuss auch bekannt wurde.Noch etwas scheint bemerkenswert zu sein: die in Europa frei lebenden Papageien sind 'wildfarben'. Die z.B. bei Halsbandsittichen in Menschenhand sowohl an Vielfalt, als auch an Anzahl häufigen Farbmutationen scheinen kaum eine Überlebenschance zu besitzen. Zu Fragen wäre hier ob sie konstitutionell unterlegen sind oder ob Greifvögel sie innerhalb eines wildfarbenen Trupps herausselektieren. |